Die Versicherungsbranche macht Fortschritte beim Thema Nachhaltigkeit – doch neue Berichtspflichten führen zu Transparenzlücken. Das zeigt der fünfte Nachhaltigkeitsreport des Analysehauses Franke und Bornberg. Der Report nimmt die Nachhaltigkeitsaktivitäten von 48 Versicherungskonzernen unter die Lupe, hinter denen 214 Erstversicherer stehen.
Nachhaltigkeit bleibt relevant
Während eines digitalen Pressegesprächs erläuterte das Analysehaus die Methodik des Reports, die Ergebnisse und ging auf die Relevanz der Nachhaltigkeit für die Gesellschaft im Allgemeinen und die Versicherungsbranche im Spezifischen ein. Michael Franke, Gründer und Geschäftsführer von Franke und Bornberg, wies während des Termins darauf hin, dass Nachhaltigkeit nicht nur für Verbraucher ein tägliches Thema sei: So zeige beispielsweise der Global Risk Report 2025 des World Economic Forum, dass sieben der langfristigen Top-10-Risiken direkt mit Nachhaltigkeit in Verbindung gebracht werden können, darunter Extremwetter, der Verlust von biologischer Vielfalt und die Verknappung natürlicher Ressourcen. Im Jahr 2024 allein mussten Versicherer Schäden durch Naturkatastrophen in Höhe von 329 Mrd. US-Dollar auszahlen – die Relevanz liegt also auf der Hand. Allerdings würden viele Unternehmen heutzutage eher auf den Ansatz „tue Gutes und schweige“ setzen, um sich nicht öffentlich angreifbar zu machen.
Lücken in Berichterstattung führen zu weniger Transparenz
Für den Report selbst hat das Analysehaus 265 Kriterien beleuchtet und insgesamt 12.000 Datenpunkte analysiert. Dabei sei festzustellen, dass die Berichtsformen der einzelnen Versicherer wenig einheitlich seien – insbesondere die neuen Berichtspflichten im Rahmen der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) führen zu neuen Lücken in der Berichterstattung. „Tatsächlich entstehen durch die Wesentlichkeitsanalyse neue Lücken“, so Franke. „Versicherer berichten nur noch zu Themen, die sie als wesentlich einstufen. Gerade bei Verbräuchen wie Papier, Wasser oder Abfall fehlen dadurch wichtige Daten – obwohl diese Themen für die Nachhaltigkeit nach wie vor relevant sind.“
Kapitalanlagen als Hebel beim Ausstoß von Emissionen
Eine positive Entwicklung verzeichnen die Analysten bei den Emissionen im eigenen Betrieb (Scope 1 und 2). Hier verzeichnen die SV Sachsen, Zurich und HanseMerkur die niedrigsten Emissionen pro Mitarbeiter. Im Allgemeinen sei die Versicherungsbranche im operativen Betrieb kein „Klimazerstörer“, so die Analysten, vor allem im Vergleich mit anderen Branchen wie etwa Technologieunternehmen.
Den größten Hebel beim CO2-Fußabdruck er Versicherer seien daher die Emissionen aus den Kapitalanlagen – hier sei die Spanne der einzelnen Versicherer deutlich breiter als bei den operativen Emissionen (siehe Grafik). Allerdings sei es aufgrund von Datenlücken sowie unterschiedlichen Berechnungsmethoden schwer, die Ergebnisse zu vergleichen. Die Studie zeigt, dass über 90% der Versicherer hier auf Positivkriterien bzw. auf Ausschlüsse setzen – die am häufigsten genannten Ausschlüsse sind dabei Kohle und Menschenrechtsverletzungen.
Allerdings gibt es noch viel Luft nach oben, sowohl beim Handeln als auch bei der Transparenz, erklären die Experten. Ein Beispiel: Beim Anteil der nachhaltigen Antriebe im Fuhrpark der Versicherer gibt es eine große Bandbreite. So liegt der Anteil der Fahrzeuge mit nachhaltigen Antriebsformen bei der SV Sachsen bei über 80% – bei der Allianz dagegen nicht einmal bei 20%. Zudem haben 38 von 48 Versicherern gar keine Angaben gemacht.
Luft nach oben im Bereich „Soziales“
Im Bereich Soziales analysiert der Report unter anderem die Geschlechterverteilung im Vorstand, Aufsichtsrat sowie das geschlechtsspezifische Verdienstgefälle, die sogenannte Gender Pay Gap. Hier könnte die Branche noch deutlich aufholen, so die Experten. So erreichen nur 40% der analysierten Versicherer den gesetzlich vorgeschriebenen Anteil von mindestens 30% Frauen, im Vorstand liegt der Mittelwert beim Frauenanteil nur bei 19% – mehrere Versicherer haben sogar gar keine Frauen im Vorstand.
Einen Rückgang in der Berichterstattung vermerken die Analysten beim gesellschaftlichen Engagement, „vermutlich, weil das Thema nicht zu den Pflichtangaben“ gehört. Die höchsten Spendenquote in Relation zu den Beitragseinnahmen weisen die VGH mit 0,2% sowie die SV Sparkassenversicherung mit 0,5% auf. Hier würden sich die Analysten mehr Transparenz wünschen. „Über Spendenhöhe und Spendencontrolling wird zu wenig berichtet“, so Franke. „Dabei stammen die Mittel aus Kundenbeiträgen – Transparenz über deren Verwendung ist eine Frage der Verantwortung.“
Nachhaltigkeit auch im Produktbereich
Im Produktbereich gibt es zwar einiges an Bewegung, wenn es um Nachhaltigkeit geht, aber auch hier könne man noch mehr tun, so die Experten. In der Sachversicherung gebe es einige praktische Ansätze wie etwa Mehrleistungen für nachhaltige Renovierungen oder Reparaturen, in der Lebens- und Krankenversicherung fokussiere sich dabei viel auf die Kapitalanlage. Aber auch die Abkehr vom reinen Leistungsbringer und der zunehmende Fokus auf Prävention sei wichtig im Bereich Nachhaltigkeit.
Für die Produkt- bzw. Unternehmensratings von Franke und Bornberg gewinnt der Aspekt der Nachhaltigkeit ebenfalls zunehmend an Bedeutung. Ziel sei, dass perspektivisch nur noch Unternehmen Spitzenbewertungen bekommen, die auch Nachhaltigkeit in den Fokus stellen. (js)
Lesen Sie auch: „Gute Beratung übersetzt Produktlogik in Lebensrealität“
- Anmelden, um Kommentare verfassen zu können

