Ein Artikel von Andreas Wollermann, Head of Growth & Sales bei der bbg Betriebsberatungs GmbH
Ein Blick in den Spiegel tut weh, aber er klärt die Sicht! Im aktuellen Imagevergleich der Branchen landet die Versicherungswirtschaft auf einem der letzten Plätze. Nur rund 22% der Deutschen verbinden mit uns etwas Positives. Versicherungsvertreter zählen laut repräsentativen Befragungen zu den Berufen mit dem schwächsten gesellschaftlichen Ansehen. Gleichzeitig zeigt eine weitere Studie: Selbst unsere stärksten Marken haben zwar Reichweite, aber oft kaum eine emotionale Bindung.
Wir müssen uns nichts vormachen: Die meisten jungen Menschen kommen nicht bewusst zu uns. Sie kommen über Umwege in unsere Branche. Nicht weil unsere Branche keine Chancen bietet, sondern weil wir ihnen diese Chancen nicht so vermitteln, dass sie neugierig machen.
Die Welt, in der junge Menschen aufwachsen, ist eine völlig andere
Gen Z und Gen Alpha werden geprägt von Unsicherheiten, KI, Krieg, Krisen, Konsumdruck, Dopamin-Dauerbeschuss durch Social Media, ein fragiles Rentensystem und eine Wirtschaft, die langfristige Stabilität nicht mehr garantiert. Das erzeugt ein völlig neues Lebensgefühl und andere Motive, Erwartungen und Entscheidungen.
Viele sagen: „Die wollen Homeoffice und Sinn.“ Nein. Sie wollen Sicherheit, Entwicklung, Wertschätzung, und das genauso wie wir früher.
Nur: Sie fordern es klarer ein. Und sie haben einfach andere Alternativen als unsere Branche. Die echte Frage lautet also nicht: „Wie überzeugen wir sie?“, sondern: „Warum sollten sie überhaupt zuhören?“
Unser blinder Fleck: Wir verwechseln Bedeutung mit Interesse
Wir betonen gerne und meistens auch ziemlich deutlich, wie wichtig unsere Branche ist. Wir sichern Existenzen. Wir schützen Familien. Wir sorgen für Stabilität, auch dann, wenn alles andere wankt. Aber das ist nur die interne Denke. Extern kommt davon immer noch viel zu wenig an, denn Relevanz führt nicht automatisch zu Aufmerksamkeit, und Aufmerksamkeit führt nicht automatisch zu Begeisterung. Genau deshalb reicht es nicht aus, einfach nur lauter zu werden, wir müssen anders werden. Echte Reichweite entsteht, wenn wir nicht nur kommunizieren, was wir tun, sondern warum es junge Menschen etwas angeht, was wir tun. Und warum es ihre Zukunft direkt betrifft.
Was wir verändern müssen: Weniger Ego, mehr Menschen
Wenn wir als Branche wieder interessant werden wollen, müssen wir die Bedürfnisse der Menschen in den Mittelpunkt stellen und nicht unsere Ziele oder Strukturen. Das klingt banal, ist aber eine der größten Herausforderungen für Führungskräfte. Was bedeutet das konkret?
- In der Maklerbetreuung: weniger Produktschulung, mehr Sparring. Weniger Folien, mehr Verständnis.
- Bei Events: weniger Bühnen-Monologe, mehr Interaktion. Weniger Selbstdarstellung, mehr echte Nähe. Weniger „wir gegen die anderen“, mehr Netzwerke und Kooperationen.
- In der Nachwuchsarbeit: weniger „Karriereversprechen“, mehr Ehrlichkeit, mehr Begleitung, mehr echte Beteiligung.
- In unserer Kommunikation: weniger Fachjargon, mehr Menschlichkeit. Weniger Karrierepläne, mehr echte Storys von Persönlichkeiten, mit denen man sich identifizieren kann.
Wir haben alles, was wir brauchen! Aber nutzen wir es?
Unsere Branche hat wie kaum eine andere echten Impact. Zukunft. Ressourcen. Gesellschaftliche Bedeutung. Aber diese Kraft entfaltet sich nur, wenn sie emotional anschlussfähig wird. Wenn wir nicht nur erklären, sondern berühren. Wenn wir nicht nur Prozesse bauen, sondern Beziehungen.
Versicherung ist keine Produktwelt. Versicherung ist eine Menschenwelt.
- Wir sind dann stark, wenn es anderen schlecht geht.
- Wir werden dann relevant, wenn die Welt unsicher wird.
- Wir geben Orientierung, wenn Orientierung fehlt.
Das ist nicht nur ein Job. Das ist ein Auftrag.
Die entscheidende Frage an uns als Branche
Wir stehen an einem Wendepunkt. Und wir müssen uns ehrlich fragen:
- Wollen wir nur verwalten oder wollen wir begeistern?
- Wollen wir nur erneuern oder wirklich verändern?
- Wollen wir nur relevant sein oder endlich wieder interessant werden?
Die Zukunft der Versicherungswirtschaft hängt nicht an Produkten, Strukturen oder Kampagnen. Sie hängt an den Menschen, die sie tragen, und an unserer Bereitschaft, sie wirklich zu verstehen.
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