Wohl jeder Autofahrer, der in den letzten Jahren sein Fahrzeug in die Werkstatt gebracht hat, wurde bereits damit konfrontiert: Die Preise für Kfz-Reparaturen sind in den letzten Jahren unaufhaltsam in die Höhe geschossen. Das bekommen nicht nur Verbraucher zu spüren, sondern auch Versicherer. Laut Zahlen des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft e. V. (GDV) sind die durchschnittlichen Schadenkosten in der Kfz-Haftpflichtversicherung zwischen 2017 und 2024 um ganze 60% angestiegen, und zwar von durchschnittlich 2.700 Euro auf 4.250 Euro. Damit liegen die Werte weit über der „normalen“ Verbraucherinflation.
Das ist für die Versicherer ein Problem. Denn trotz hoher Beitragsanpassungen hat die Kfz-Versicherung im Jahr 2024 immer noch rote Zahlen geschrieben. In anderen Sparten, wie etwa Wohngebäude, ist die Situation ähnlich. Während in der Kfz-Versicherung die Schaden-Kosten-Quote im Jahr 2025 erstmals seit Jahren wieder unter der kritischen 100%-Marke lag, bleibt die Schadeninflation weiterhin eine große Herausforderung. Aus diesem Grund war sie auch das Thema eines Pressegesprächs der Versicherungsforen Leipzig, bei dem Branchenexperten nicht nur über die Treiber der Schadeninflation, sondern auch über potenzielle Lösungen für das Problem diskutiert haben.
Volatilität in allen Bereichen angestiegen
Neben den stark angestiegenen Stundenlöhnen in Kfz-Werkstätten – teilweise übersteigen diese an manchen Orten bereits 400 Euro die Stunde, erklärt Prof. Dr. Michaele Völler vom Institut für Versicherungswesen der TH Köln, und dem Monopol der OEMs, also der Originalteilhersteller, ist auch der Klimawandel ein massiver Treiber für den dramatischen Anstieg der Schadeninflation. Die Folgen dessen bekommen die Versicherer und Verbraucher vor allem in der Wohngebäudeversicherung zu spüren. Neben den höheren Schadenhäufigkeiten infolge von Extremwetter kostet die Wiederherstellung eines Wohngebäudes heute deutlich mehr als sogar noch vor zehn Jahren. Das kostet den Versicherer und treibt die Prämien in die Höhe.
Versicherer stehen hier vor einer besonderen Herausforderung, denn: In der Vergangenheit wurden Prämien vor allem auf Basis von Mustern der Vergangenheit berechnet. Das sei in Zukunft nicht mehr möglich, so Horst Nussbaumer, Mitglied des Vorstands der Zurich Gruppe Deutschland. „Da muss man andere Parameter ansetzen“, so Nussbaumer.
Zudem ist die Volatilität für die Versicherer auch in anderen Bereichen angestiegen, ergänzt Martin Gräfer, Vorstandsmitglied der Bayerischen, wie etwa bei den Kapitalanlagen. Man könne hohe Schaden-Kosten-Quoten nicht mehr so einfach ausgleichen wie in der Vergangenheit. „Wir müssen uns genau überlegen, wo wir unsere begrenzten Eigenmittel allokieren“, so Gräfer.
Prävention und Vorsorge bereits in Tarife einbauen
Die Versicherer sind sich einig: Prävention und Resilienz sind unabdingbar für die künftige Entwicklung der Branche, denn die hohe Schadeninflation nur mit steigenden Prämien auszugleichen, sei nicht nachhaltig. „Wenn wir alle unsere Probleme durch Beitragsanpassungen lösen wollen, dann haben wir unseren Job einfach gar nicht gemacht“, warnt Gräfer. Man müsse die Geschäftsmodelle verändern und dahin lenken, auch präventive Maßnahmen in die Tarife mit einzubauen. Die Bayerische habe bereits einen solchen Tarif auf den Markt gebracht, erklärt Gräfer.
Bei der Zurich sind Präventionsmaßnahmen laut Nussbaumer in Teilbereichen bereits sehr erfolgreich, vor allem im Firmensegment. „Für die ist Prävention das normalste der Welt. Die wissen, dass wenn ich keine Prävention betreibe, das Risiko nicht mehr versicherbar ist“, erklärt Nussbaumer. Für Privatkunden und KMU sei die Umsetzung von präventiven Maßnahmen schwieriger. Aus diesem Grund baue die Zurich gezielt Partnerschaften auf, um seine Kunden dabei zu unterstützen und Präventionsleistungen gleich in die Produkte zu integrieren.
Digitalisierung als Kostensenker, doch nicht sofort
Die Teilnehmer sind sich einig: Neben Prävention bietet vor allem die Digitalisierung massive Potenziale, um steigenden Schadenkosten entgegenzuwirken und Effizienzgewinne zu erzielen. Künftig sollten Standardschäden zwar weiter von Menschen orchestriert werden, doch die klassische Schadenbearbeitung wird von der KI übernommen werden. Hier sei vor allem die Geschwindigkeit, mit der die Schadenregulierung künftig vorgenommen werden könne, von Vorteil.
Bei der Zurich sieht man trotz dem fortschreitenden Ausbau der Digitalisierung und Automatisierung keine Notwendigkeit zum drastischen Personalabbau. In diesem Zusammenhang sprach Nussbaumer die demografische Entwicklung an. Ein großer Anteil der Belegschaft bei Versicherungsunternehmen sei 50 Jahre oder älter, so Nussbaumer. Die könne man gar nicht alle ersetzen. Er sehe die Branche eher vor einer Transformation bei den benötigten Qualifikationen statt vor einem Abbau der Arbeitsplätze.
Bei der Bayerischen scheint man das etwas anders zu sehen. Laut Gräfer sei bei manchen Versicherern bereits ein Personalabbau zu beobachten – und das obwohl man das durch KI noch gar nicht ausgleichen könne. „Aktuell kostet Digitalisierung mehr als sie spart“, so Gräfer. „Wer zuerst Personal abbaut und dann digitalisiert, wird mit der Reihenfolge mehr verlieren als gewinnen.“
Die Teilnehmer sind sich einig: Auch künftig wird die Schadeninflation auf einem höheren Niveau liegen als die Verbraucherinflation. Aus diesem Grund müssen Versicherer weiterdenken. „Was wir aus der Vergangenheit gelernt haben, damit werden wir nicht die Zukunft gestalten“, resümiert Nussbaumer. „Wir müssen unsere Geschäftsmodelle neu denken, um weiterhin verlässlicher Partner zu sein.“ (js)
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