Interview mit Johannes Kappler, Gründer und Geschäftsführer von 3 Pace
Herr Kappler, Sie haben 2021 3Pace gegründet. Erläutern Sie bitte kurz, wofür Sie mit Ihrem Unternehmen stehen – und gerne auch, wie bei Ihnen die Kombi KI – Versicherungsmarkt entstanden ist.
Am Anfang stand echtes Kundenfeedback. 2016 war ich Mitgründer eines InsurTechs mit einer digitalen Fondspolice. In Gesprächen hörte ich immer wieder denselben Satz: „Die Ansparphase ist toll, aber die Rente nehme ich nicht.“ Mir wurde klar: Das mühsam aufgebaute Kapital läuft Gefahr, in starre Strukturen zu rutschen, in denen Trägheit und konservative Rentenfaktoren einen Großteil der Rendite auffressen. Dieser Gedanke hat mich nicht mehr losgelassen.
Also habe ich mich gefragt: Was wäre, wenn eine Maschine Spar- und Rentenphase konsequent, emotionslos und automatisiert steuern könnte? 2021 habe ich 3Pace gegründet, um genau dieses System zu bauen. Unsere Rolle ist die des Systemarchitekten: Wir verbinden quantitative Methoden, KI und Regulatorik zu einer Plattform, die weitgehend autonom arbeitet und Entscheidungsqualität skalierbar macht. Die Verbindung mit einem Versicherungsmantel war dann fast zwangsläufig: planbare Zahlungen, lange Horizonte und steuerneutrale Umschichtungen. Darauf bauen wir ein System, in dem Kundenkapital nicht nur verwaltet, sondern intelligent gesteuert wird.
Sie haben auch Ihre eigene KI mit dem Namen IIINITY (sprich: Trinity) entwickelt. Handelt es sich dabei um eine „klassische“ generative KI mit Large Language Model oder funktioniert diese anders?
IIINITY ist das genaue Gegenteil von ChatGPT. Generative KI erzeugt Texte und Bilder. Für seriöse Anlageentscheidungen braucht man keine Eloquenz, sondern Mathematik, Modellierung und strikte Regeln.
IIINITY setzt auf KI-optimierte quantitative Methoden: Monte-Carlo-Simulationen, Stresstests und hauseigene Optimierungsalgorithmen. Hinzu kommt eine Marktregime-Erkennung: Die KI erkennt, ob sich das jeweilige Asset in einem Bullen-, Bären- oder Seitwärtsmarkt befindet, und justiert die Strategie dynamisch. Jede Entscheidung ist protokolliert, mathematisch abgesichert und nachvollziehbar. Keine Blackbox.
Mit dem Launch von IIINITY starten Sie auch die ersten vollständig KI-gesteuerten Anlageprodukte. Wie funktioniert das genau?
Stellen Sie sich vor: Während ein Fondsmanager morgens seinen Kaffee trinkt, hat IIINITY bereits Millionen Datenpunkte analysiert und bei Bedarf die Allokation angepasst. 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. Ohne Quartalsendspurt, ohne Urlaub, ohne Emotionen.
Seit Dezember 2025 sind wir mit drei Portfolios live: Shield, Guardian und Eagle Eye. IIINITY trifft die Anlageentscheidung innerhalb eines klar definierten Regelwerks. Regulatorisch wird das Rebalancing final von einem menschlichen Portfoliomanager freigegeben. Die Umsetzung erfolgt über unseren Partner MFC Service GmbH als lizenziertes WpIG-Institut. Erhältlich im Versicherungsmantel und als Depotlösung.
Nach welchen Kriterien geht die KI vor?
Drei Parameter bestimmen alles: das Anlageziel, der Zeithorizont und die Risikotoleranz, ausgedrückt als maximaler Drawdown. Ab da übernimmt IIINITY.
Das System durchspielt Tausende Marktszenarien und ermittelt die robusteste Portfoliostruktur. Makrodaten, Volatilität, Korrelationen, alles fließt ein. Das Portfolio wird fortlaufend überwacht und rebalanciert. Innerhalb einer Fondspolice ist diese Rebalancing-Frequenz steuerlich problemlos. Ein Vorteil, den klassische Depotlösungen nicht bieten.
Wie geht IIINITY mit Risikoprofilen um?
Shield, Guardian, Eagle Eye. Die Namen sind Programm. Shield steht für Schutz: konservativ, kapitalerhaltend. Guardian verfolgt eine ausgewogene, momentumbasierte Strategie. Eagle Eye ist die dynamische Variante für wachstumsorientierte Anleger.
Der Unterschied zur klassischen MiFID-Schublade: Das Risiko wird nicht einmal festgelegt und vergessen. IIINITY überwacht es permanent. Erkennt das System eine Marktregimeänderung, reagiert es möglichst präventiv, bevor der Schaden entsteht. Risiko verwalten versus Risiko kontrollieren. Für Berater heißt das: deutlich weniger panische Kundengespräche in turbulenten Marktphasen.
Wie verhalten sich die Kosten bei einer Anlage in IIINITY-Produkten? Günstiger als klassische aktiv gemanagte Fonds?
IIINITY will kein Billiganbieter sein. Wir bieten Risikomonitoring, Szenarioanalyse und Portfoliosteuerung auf institutionellem Niveau. Die Depotlösung liegt bei 0,75% p. a. zzgl. MwSt., hinzu kommt eine flexibel einstellbare Vermittlervergütung zwischen 0% und 1,25% p. a. Der Berater bleibt frei in seiner Gestaltung und profitiert von Services wie Reporting, Vertriebsunterstützung und Schulungen. So liegen wir klar unter klassischen aktiv gemanagten Fonds, sind aber kein ETF von der Stange.
Trifft die KI weniger „Fehlentscheidungen“ als ein Fondsmanager?
Dass aktiv gemanagte Fonds ihren Vergleichsindex langfristig mehrheitlich nicht schlagen, ist längst bekannt. Eine KI kann das auch nicht garantieren. Das sage ich offen.
Aber stellen Sie sich einen Fondsmanager vor, der im März 2020 um 6 Uhr morgens aufwacht und die roten Kurse sieht. Was tut er? Oder einen, der kurz vor Jahresende sein Portfolio „aufhübscht“, damit der Bericht gut aussieht. Der lieber nah an der Benchmark bleibt, weil echter Mut den Job kosten kann. Das sind keine Ausnahmen, das sind systematische Muster, wissenschaftlich dokumentiert.
IIINITY kennt keines davon. Kein Panik-Trading, keine Selbstüberschätzung, kein Benchmark-Kleben. Das macht KI nicht unfehlbar, aber es eliminiert eine ganze Klasse strukturell eingebauter Fehler.
Viele Menschen vertrauen KI noch nicht so ganz. Wird es noch dauern, bis derartige KI-gesteuerte Anlageprodukte wirklich Anklang finden?
Das Vertrauen kommt schneller, als die meisten denken. Laut einer DekaBank-Umfrage würden 36% einer KI eigenständige Anlageentscheidungen anvertrauen. Das nehme ich ernst.
Als Online-Banking kam, wollten Menschen ihr Geld lieber am Schalter überweisen. Was Vertrauen wachsen lässt, ist nicht das Wort „KI“, sondern Transparenz. Berater, die sagen können: „Das System entscheidet nach definierten Regeln, und ich kann Ihnen das anhand von Wahrscheinlichkeiten erklären“, die haben ein Narrativ, das weit über „Ich glaube, der Fonds ist gut“ hinausgeht.
Bieten Sie die Fonds auch für Makler oder Berater zur Vermittlung an, sei es als Direktanlage oder für Fondspolicen?
Absolut, Makler und Berater sind unser Herzstück. Die Lösung ist B2B-konzipiert: Der Berater bleibt Vertrauensanker, wir liefern Portfoliomethodik und Reporting.
Die Portfolios sind z. B. über die Deutsche Gesellschaft für Ruhestandsplanung zugänglich. Positive Rückmeldungen kommen besonders aus zwei Lagern: Jüngere Makler sagen, sie hätten endlich etwas, was sie den FinTechs auch innerhalb einer Versicherungslösung entgegenstellen können. Und die erfahrenen Berater stellen sich eine andere Frage: Muss ich meinen mühsam aufgebauten Bestand, mein Lebenswerk, überhaupt verkaufen, wenn eine KI es weiter verwalten kann?
Haben Sie schon Anfragen von Versicherern dazu bekommen? Wie wird IIINITY angenommen?
Die Resonanz ist bemerkenswert. Seit Jahresanfang sind unsere Portfolios über die Fondspolice der Liechtenstein Life erhältlich. Die Anfragen kommen nicht aus einem „KI ist der nächste Hype“-Reflex, sondern aus echtem operativen Interesse. Auch mit Pools, Finanzvertrieben und Family Offices laufen vielversprechende Gespräche.
Was mich persönlich am meisten reizt: vollständig individuelle Kundenportfolios, exakt zugeschnitten auf einen einzelnen Menschen. Da die KI automatisiert optimiert, entsteht kein proportionaler Mehraufwand, ob zehn oder tausend Mandate. Wir stehen bei vielleicht 5% dessen, was möglich ist. Ich bin überzeugt, dass wir in zehn Jahren auf heute zurückblicken und sagen: Das war der Moment, in dem regelbasierte, KI-optimierte Anlage zur Normalität wurde.
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