Motivation ist kein Programm, sondern Echo
Ein weiterer Irrtum hält sich hartnäckig: die Idee, Motivation ließe sich herstellen. Mit Programmen, Anreizen, Benefits. Kurzfristig mag das wirken. Langfristig verpufft es. Motivation entsteht dort, wo Menschen Wirksamkeit erleben. Wo sie verstehen, wofür sie etwas tun. Wo Leistung fair bewertet wird. Wo Erwartungen klar sind und eingehalten werden. Gerade junge Menschen reagieren sensibel auf Brüche zwischen Anspruch und Realität. Nicht, weil sie empfindlicher wären, sondern weil sie gelernt haben, Systeme zu prüfen.
Arbeit, Identität und die Grenze des Leistbaren
Arbeit trägt heute mehr Erwartungen als je zuvor: Sinn, Sicherheit, Selbstverwirklichung, Status. Gleichzeitig ist sie brüchiger geworden. Karrieren sind nicht mehr linear, Loyalität keine Garantie, Leistung kein Versprechen auf Stabilität. Viele junge Menschen reagieren darauf, indem sie Arbeit relativieren. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Selbstschutz. Sie binden ihren Selbstwert nicht mehr ausschließlich an den Job. Das wird häufig missverstanden, ist aber eine rationale Anpassung an Unsicherheit.
Führung steht hier vor einer neuen Aufgabe: Anerkennung zu geben, ohne Identität zu vereinnahmen. Leistung einzufordern, ohne Überforderung zu normalisieren.
Wirtschaft, Politik und Verantwortung
Was diese Entwicklungen verbindet, ist ein wachsendes Erklärungsdefizit. Entscheidungen werden getroffen, aber selten nachvollziehbar gemacht. Verantwortung wird eingefordert, aber nicht immer sichtbar übernommen. Das gilt für Wirtschaft ebenso wie für Politik. Junge Menschen reagieren darauf nicht mit Gleichgültigkeit, sondern mit Skepsis. Sie misstrauen weniger den Menschen als den Systemen. Vertrauen entsteht für sie nicht durch Appelle, sondern durch Konsequenz.
Weniger Erklärung, mehr Einordnung
Wir brauchen keine weiteren dicken Bücher, Vorträge oder Artikel, die junge Menschen erklären. Wir brauchen mehr Einordnung dessen, was gerade passiert. Mehr Ehrlichkeit über Zielkonflikte. Mehr Mut zur Entscheidung. Mehr Bereitschaft, Verantwortung sichtbar zu übernehmen.
Denn eines ist sicher: Wir wollten es einfach. Die Zukunft ist es nicht. Und genau deshalb braucht es Führung, die Komplexität nicht reduziert, sondern übersetzt. Die nicht beruhigt, sondern orientiert. Und die bereit ist, sich selbst infrage zu stellen, bevor sie über Generationen urteilt.
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Andreas Wollermann - Anmelden, um Kommentare verfassen zu können