Interview mit Loredana Scirè, Pressesprecherin von RE/MAX Germany
Frau Scirè, die Zeichen am Immobilienmarkt standen zuletzt auf Stabilisierung. Wie bewerten Sie die Entwicklung im vergangenen Jahr?
Nach den spürbaren Preiskorrekturen durch den Zinsanstieg sehen wir schon seit 2024 eine schrittweise Stabilisierung, die sich 2025 weiter verfestigt hat. In vielen Regionen sind die Angebotspreise moderat gestiegen, das gilt auch für die Zahl der Transaktionen. Der Markt ist heute insbesondere in Metropolen realistischer bepreist als noch zu Hochzeiten, was zu einer gesünderen Balance zwischen Angebot und Nachfrage führt. Insgesamt erleben wir keinen Boom, aber einen robusteren, berechenbareren Markt mit solider Dynamik. Anders als bei Projektentwicklung ist der Immobilienmarkt aus Maklersicht ohnehin ein anderer. Ge- und verkauft wird immer. Die Gründe für Transaktionen können sich jedoch ändern.
Wie zufrieden waren denn die RE/MAX-Partner mit 2025?
Unsere Partnerinnen und Partner bei RE/MAX Deutschland blicken überwiegend positiv auf das Jahr 2025. Nach einer Phase, in der viele Kaufentscheidungen aufgeschoben wurden, ist wieder mehr Bewegung in den Markt gekommen. Wir sehen wieder kürzere Vermarktungszeiten. Der Beratungsbedarf ist auf beiden Seiten gestiegen, also bei Käufern wie Verkäufern. Themen wie Energieeffizienz oder Sanierungszustand spielen eine größere Rolle und wollen eingeordnet sein. Genau hier liegt eine unserer Stärken als Netzwerk mit über 800 Immobilienmaklerinnen und -maklern in Deutschland und unserer Fachexpertise. Viele unserer Büros konnten ihre Marktanteile ausbauen, weil Kundinnen und Kunden gerade in anspruchsvolleren Zeiten besonders viel Wert auf professionelle Begleitung legen.
Wie beurteilen Sie die Marktlage?
Wir sehen starke regionale Unterschiede. In vielen Großstädten und wirtschaftlich starken Regionen ziehen die Preise wieder leicht an, während sich ländlichere Lagen unterschiedlicher entwickeln. Grundsätzlich bleibt die Nachfrage nach Wohnraum hoch, weil das Angebot vor allem im Neubau weiterhin deutlich hinter dem Bedarf zurückbleibt. Die geringe Zahl fertiggestellter, neuer Wohnungen wird uns noch auf Jahre begleiten. Die gleichzeitig steigenden Mieten wirken stabilisierend auf das Preisniveau, weil sich die Kaufpreisfaktoren eher rechnen. Spannend wird sicher die Zinsentwicklung sein. Wir gehen Stand heute von leicht sinkenden Zinsen aus.
Wie sieht es derzeit auf Käufer- und Verkäuferseite aus?
Auf Käuferseite stellen wir fest, dass viele Interessenten wieder aktiver werden. Die Zinslandschaft ist berechenbarer geworden und viele Haushalte haben das neue Preis- und Zinsniveau akzeptiert. Außerdem ist das Bewusstsein dafür gewachsen, dass sich Gelegenheiten vor allem dann ergeben, wenn der Markt nicht überhitzt ist. Auch die immer höheren Mieten motivieren Eigennutzer, beim Vermögensaufbau in Immobilien zu investieren. Auf Verkäuferseite sehen wir ebenfalls mehr Bewegung. Eigentümer, die in den vergangenen Jahren abgewartet haben, bringen ihre Immobilien nun wieder auf den Markt. In gefragten Lagen führt das durchaus zu steigenden Preisen. Insgesamt agieren Käuferinnen und Käufer deutlich überlegter, vergleichen intensiver und rechnen genauer. Das führt zu mehr Verhandlungen, aber auch zu realistischeren Abschlüssen.
Was sind denn momentan die größten Herausforderungen für Immobilienmakler?
Finanzierungsbedingungen sind anspruchsvoller geworden, regulatorische Anforderungen wie zum Beispiel im Bereich Energieeffizienz nehmen zu und Kundinnen und Kunden sind deutlich informierter als früher. Es gibt eine wachsende Zahl digitaler Angebote und KI-gestützter Tools, die vermeintlich schnelle Antworten liefern. Für Immobilienmakler bedeutet das: Wir müssen unseren Mehrwert noch klarer herausstellen. Es geht nicht nur um die Vermittlung, sondern um fundierte Bewertung, Marktkenntnis und die Fähigkeit, Menschen sicher durch einen emotional wie finanziell bedeutenden Prozess zu führen und ihnen bei ganz praktischen Dingen wie Finanzierungsfragen zur Seite zu stehen.
Sie setzen auf Vernetzung und lokale Marktkompetenz. Welche Relevanz hat die persönliche Beratung?
Die persönliche Beratung ist aus unserer Sicht durch nichts zu ersetzen. Digitalisierung und künstliche Intelligenz sind für uns wichtige Werkzeuge, zum Beispiel bei Datenanalysen, Marktpreisindikationen oder der Vermarktung. Aber sie können nicht die Feinheiten eines Stadtteils, die Dynamik einer Nachbarschaft oder die individuelle Situation einer Familie vollständig erfassen.
Genau hier kommen unsere lokalen Maklerbüros ins Spiel. Sie sind fest in ihren Regionen verankert, kennen die Menschen, die Mikrolagen und die Besonderheiten vor Ort. Das physische Büro ist außerdem ein sichtbarer Vertrauensanker. Gerade bei einer Entscheidung wie dem Kauf oder Verkauf einer Immobilie wollen viele Kundinnen und Kunden einen realen Ansprechpartner, der greifbar und verantwortlich ist. Aber das physische Büro wandelt sich, denn Makler arbeiten dank digitaler Tools ortsunabhängig und effizienter. Das Büro entwickelt sich dadurch zunehmend vom festen Arbeitsplatz zu einem Treffpunkt für Austausch, Zusammenarbeit und Kundenkontakte.
Wie haben sich die Bedürfnisse der Kunden verändert?
Kundinnen und Kunden sind heute deutlich anspruchsvoller und zugleich besser informiert. Sie erwarten maximale Transparenz, schnelle Reaktionszeiten und digitale Services wie virtuelle Besichtigungen. Gleichzeitig wächst aber auch der Wunsch nach Einordnung und persönlicher Beratung, weil die Informationsflut oft überfordert. Viele suchen Orientierung im Hinblick auf eine realistische Preiseinschätzung, auf Fördermöglichkeiten oder energetische Vorgaben. Erfolgreiche Immobilienmakler verbinden digitale Effizienz mit individueller, verständlicher Beratung auf Augenhöhe.
Deutschland bleibt ein Mieterland, die Eigentumsquote ist im europäischen Vergleich sehr niedrig. Wie lässt sich hier Abhilfe schaffen?
Die niedrige Eigentumsquote in Deutschland hat strukturelle Ursachen, von hohen Kaufnebenkosten über strenge Finanzierungsanforderungen bis zu einem begrenzten Angebot, insbesondere in Ballungsräumen. Wenn wir mehr Menschen den Weg ins Eigentum ermöglichen wollen, brauchen wir vor allem bessere Rahmenbedingungen für Erstkäufer und Familien. Dazu gehören verlässliche Förderprogramme, steuerliche Entlastungen und vor allem schnellere und einfachere Planungs- und Genehmigungsverfahren, damit wieder mehr gebaut wird. Wohneigentum ist nicht nur eine individuelle Lebensentscheidung, sondern auch ein wichtiger Baustein für Vermögensbildung und Altersvorsorge.
Zuletzt hat die Regierung einige Maßnahmen in Sachen Förderung auf den Weg gebracht. Wie beurteilen Sie die Schritte?
Die Richtung stimmt grundsätzlich. Förderprogramme für energieeffizientes Bauen und Sanieren sowie zinsgünstige Darlehen können wichtige Impulse setzen. Entscheidend ist jedoch, dass diese Maßnahmen verlässlich, langfristig planbar und nicht zu bürokratisch sind. Viele Interessenten sind verunsichert, wenn Programme kurzfristig geändert oder gestoppt werden. Hier sehen wir auch eine wichtige Rolle für unsere Immobilienmakler. Sie helfen, Fördermöglichkeiten einzuordnen und sinnvoll in eine Immobilienfinanzierung zu integrieren.
Nun ist der Traum vom Eigenheim das eine. Wie interessant sind Immobilien momentan als Kapitalanlage?
Immobilien bleiben eine wichtige Kapitalanlage. In Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit schätzen viele Anleger die Kombination aus Mieteinnahmen und langfristiger Wertstabilität. Dabei beobachten wir aber durchaus Unterschiede zwischen den Generationen. Jüngere Investoren sind häufig digitalaffiner, vergleichen stärker mit anderen Anlageklassen und achten auf Flexibilität. Ältere Generationen sehen Immobilien eher klassisch als Baustein der Altersvorsorge und als inflationsgeschützten Sachwert. Insgesamt gilt: Wer langfristig denkt und auf gute Lagen sowie solide Objekte setzt, findet im Immobilienmarkt weiterhin attraktive Perspektiven.
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