Disruptive InsurTechs, Siri und Alexa, dann digitale Versicherungsmakler und Vergleichsplattformen – und immer die gleiche Botschaft: Klassische Versicherungsvermittler verlieren an Bedeutung. Jetzt steht vermeintlich die nächste Revolution vor der Tür: Künstliche Intelligenz (KI) übernimmt die Beratung, analysiert Risiken, erstellt Angebote und vermittelt – zumindest vermeintlich. Erste Projekte etwa in den USA und in Spanien laufen schon.
KI im Vertrieb: Risiko für alle Vermittler?
Doch wie groß ist das tatsächliche Disruptionspotenzial? Und trifft es eher Versicherer oder Versicherungsvermittler? Mit den Fragen rund um die Digitalisierung der Versicherungswirtschaft beschäftigt sich Dr. Thomas Zwack, Partner der Unternehmensberatung Argon & Co, seit vielen Jahren. Aus seiner Sicht könnte die Entwicklung tatsächlich vor allem den Vertrieb verändern. Der Erstversicherer bleibe weiterhin Risikoträger, doch die Vertriebskanäle verschieben sich zunehmend.
Auch innerhalb des Vermittlermarktes sieht Zwack klare Unterschiede. Große internationale Maklerhäuser wie Marsh, Aon oder WTW verloren zwar nach Bekanntwerden erster entsprechender ChatGPT-Projekte kurzfristig bis zu 15% ihres Börsenwerts. Das Disruptionspotenzial hält er hier dennoch für begrenzt. Schließlich begleiten große Maklerorganisationen vor allem Industrie- und Unternehmenskunden beim Risikomanagement.
Anders könnte die Lage für kleinere Vermittler aussehen. Zwack erläutert: „Für kleinere Maklerorganisationen, Vermittler und Agenturen kann es hingegen zunehmend schwieriger werden. Wer die Kundenschnittstelle kontrolliert, beeinflusst auch die Markttransparenz und die Sichtbarkeit einzelner Anbieter.“ Wenn Kunden sich fortwährend in KI-Anwendungen wie ChatGPT bewegen, können diese zum zentralen Zugang zu Angeboten aller Art werden. Im Privatkundengeschäft, etwa bei Haftpflicht oder Hausrat, ist dies durchaus vorstellbar.
KI im Fokus: BVK fordert gleiche Regeln für alle
Auch die Vermittlerverbände verfolgen die aktuellen Entwicklungen aufmerksam. Michael Heinz, Präsident des Bundesverbands Deutscher Versicherungskaufleute (BVK), ordnet die Veränderungen im Kontext der vergangenen Jahre ein: „Unser Berufsstand war schon oft mit Herausforderungen konfrontiert und auch unser Berufsbild entwickelt sich permanent weiter. Wenn man sich den Anteil der unterschiedlichen Vertriebswege für die Sparten anschaut, sieht man, dass der persönliche Versicherungsvertrieb nach wie vor der dominante ist. Wir halten über Generationen Kontakt zu unseren Kunden, kennen sie teilweise von Kindesbeinen an und können ihr Absicherungsinteresse viel tiefliegender einschätzen, als es jemals ein Direkt- oder KI-Vertrieb je könnte.“
Dennoch bleibe man wachsam. Sowohl die rasanten Entwicklungen im Bereich der KI als auch die politische Diskussion über ein Altersvorsorgeprodukt, bei dem die gesetzliche Beratungspflicht ausgesetzt werden könnte, beschäftigten den BVK intensiv. Beide Themen zeigten aus Sicht des Verbands, dass der Berufsstand weiter vor ernstzunehmenden Herausforderungen steht. Entwicklungen also, die man nicht einfach hinnehmen wolle. Heinz erläutert: „Wir werden im Rahmen unserer guten interessenpolitischen Vernetzung und Vertretung in Berlin und Brüssel darauf hinwirken, dass weder die gesetzliche Beratungspflicht beim Vertrieb von Altersvorsorgeprodukten – wie standardisiert diese auch sind – noch die rechtlichen Rahmenbedingungen beim KI-Vertrieb aufgeweicht werden. Daneben werden wir Hebel in Bewegung setzen und auf die politischen Entscheidungsträger einwirken, dass gleiche rechtliche Rahmenbedingungen für den Versicherungsvertrieb von KI-Modulen eingehalten werden, wie sie bereits seit Jahren für Versicherungsvermittler gelten.“
Seite 1 ChatGPT – Helfer oder Konkurrent der Versicherungsmakler?
Seite 2 KI im Alltag: Unterstützung statt Ersatz für Vermittler und Versicherer
- Anmelden, um Kommentare verfassen zu können