Ein Gastbeitrag von Thomas Heiserowski, Vorstand und Co-CEO der Europace AG sowie Vorstand und CPO der Hypoport Real Estate & Mortgage AG
Wer heute eine Immobilie finanziert, bewegt sich weiterhin durch ein fragmentiertes System. Immobilienmakler:innen, Berater, Banken und viele weitere Dienstleister wie CRM-Anbieter oder Bewertungsunternehmen arbeiten in eigenen Anwendungen, mit eigenen Datenbeständen und eigenen Logiken. Informationen werden mehrfach erfasst, weitergereicht oder gehen verloren. Das führt zu Reibungsverlusten, die weder aus Kundensicht noch aus Sicht der Anbieter überzeugen. Trotz technologischer Fortschritte bleibt der Prozess komplex – und genau das wird zunehmend zum entscheidenden Wettbewerbsnachteil.
Wenn Data-Flows zur Herausforderung werden
Die zentrale Herausforderung liegt damit weniger in fehlender Technologie als in ihrer fehlenden Integration. Viele Lösungen sind leistungsfähig, aber sie greifen nicht ineinander. Das zeigt sich besonders deutlich beim Umgang mit Daten. Entlang der Customer Journey entstehen an verschiedenen Stellen wertvolle Informationen, etwa über die finanzielle Situation, die Immobilie oder die individuelle Präferenz des Kunden. Doch diese Daten begleiten die Kund:innen häufig nicht durchgängig. Stattdessen verschwinden sie an Systemgrenzen oder werden nur punktuell genutzt. Die Folge: Prozesse beginnen für die Käufer:innen mehrfach von vorn, Entscheidungen werden auf unvollständiger Datenbasis getroffen, und der Aufwand nimmt für alle Beteiligten zu. Darüber hinaus wird der Prozess durch diese Brüche zwischen den Systemen verlangsamt, dabei ist Geschwindigkeit eines der großen Versprechen der Digitalisierung. Auf deren wirkliche Relevanz für die Kund:innen wird später noch einmal eingegangen.
Gleichzeitig verändert sich die Erwartungshaltung der Verbraucher:innen grundlegend: Sie orientieren sich längst an digitalen Erfahrungen aus anderen Branchen. Sie erwarten Prozesse, die intuitiv funktionieren, transparent sind und ohne Reibungsverluste ablaufen. Sie wollen durchgehend über den Status ihres Vorhabens informiert sein und rund um die Uhr Zugriff auf Informationen haben.
Hier entsteht ein Spannungsfeld: Auf der einen Seite stehen hochspezialisierte Marktteilnehmer mit jeweils eigenen Systemen und Verantwortlichkeiten. Auf der anderen Seite sehen wir Kund:innen mit dem berechtigten Wunsch nach einem durchgängigen, einfachen und verlässlichen Prozess. Dieses Spannungsfeld lässt sich nicht durch ein weiteres Tool auflösen. Es erfordert eine neue Logik der Zusammenarbeit: weg von isolierten Anwendungen, hin zu vernetzten Systemen, in denen Daten, Prozesse und Akteure miteinander verbunden sind.
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Geschwindigkeit wird häufig als zentraler Erfolgsfaktor diskutiert. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass Einfachheit und Verlässlichkeit mindestens genauso entscheidend sind. Nutzer:innen bevorzugen Prozesse, die sie verstehen – nicht unbedingt die, die nur schneller sind.
Welche Rolle KI spielen wird
In dieses Spannungsfeld wird häufig künstliche Intelligenz als nächster großer Hebel eingeordnet. Tatsächlich kann sie einen wichtigen Beitrag leisten, allerdings unter einer klaren Voraussetzung: Sie muss in funktionierende Prozesse eingebettet sein.
KI kann heute bereits Informationen aus unterschiedlichen Quellen zusammenführen, Muster erkennen und nächste Schritte ableiten. Sie kann Entscheidungen vorbereiten und Prozesse intelligent steuern. Ihr tatsächlicher Mehrwert entsteht jedoch erst dann, wenn sie auf einer integrierten Datenbasis arbeitet und entlang eines klar definierten Prozesses eingesetzt wird. Ohne diese Grundlage bleibt ihr Einsatz punktuell und kann die strukturellen Herausforderungen nicht lösen. Mit einer durchgängigen Prozessarchitektur hingegen wird KI zum verbindenden Element und damit zu einem echten Produktivitätshebel. Sie unterstützt nicht nur einzelne Schritte, sondern stabilisiert und verbessert den gesamten Ablauf.
Das neue Wettbewerbsgefüge
Die Perspektive auf den Markt verschiebt sich damit grundlegend. Im Zentrum steht nicht mehr die Frage nach dem besten Tool, sondern nach der Qualität des gesamten Prozesses. Die entscheidende Entwicklung ist der Übergang von isolierten Anwendungen hin zu einer integrierten Infrastruktur. Gemeint ist ein Umfeld, in dem Systeme miteinander verbunden sind, Daten durchgängig verfügbar bleiben und Prozessschritte ineinandergreifen.
In einer solchen Struktur verändern sich auch Rollen und Verantwortlichkeiten. Es geht weniger darum, einzelne Leistungen zu optimieren, sondern darum, den Kunden entlang des gesamten Prozesses zu begleiten – von der ersten Orientierung bis zum Abschluss der Finanzierung. Plattformen übernehmen dabei zunehmend die Funktion eines Betriebssystems für den Markt. Sie bündeln Informationen, orchestrieren Abläufe und schaffen die Grundlage für durchgängige Prozesse. Der Mehrwert entsteht nicht mehr durch einzelne Funktionen, sondern durch die Tiefe der Integration und die Fähigkeit, unterschiedliche Marktteilnehmer effizient zu vernetzen.
Vor diesem Hintergrund wird deutlich: Der Wettbewerb in der Baufinanzierung verschiebt sich. Nicht das intelligenteste Produkt wird sich durchsetzen und auch nicht das schnellste Tool. Entscheidend für den Marktanteilsgewinn der Zukunft ist die Fähigkeit, Prozesse ganzheitlich zu denken und umzusetzen und dabei Systeme, Daten und Entscheidungen sinnvoll miteinander zu verbinden. Wer diese Integration beherrscht, reduziert Komplexität, für sich selbst und für den Kunden. Convenience, also Komfort, ist das Ergebnis. Ist dieses Ziel erreicht, lässt sich von echtem Fortschritt durch KI in der Baufinanzierung sprechen. Wenn der Markt geräuschlose Prozesse bietet, die die Menschen verlässlich und schnell ins Eigentum bringen – in einer lauten Welt ist das sichere Zuhause schließlich ein Gewinn für alle.
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Porträtfoto: © Europace
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