Interview mit Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer des Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e. V. (GDV)
Herr Asmussen, wie fällt Ihre Zwischenbilanz für das Versicherungsjahr 2026 aus?
Wir rechnen derzeit damit, dass das Prämienwachstum insgesamt etwas unter unserer bisherigen Prognose von 4,7% liegen wird. Das liegt im Wesentlichen daran, dass es im ersten Halbjahr weniger Einmalbeitragsgeschäft in Leben gegeben hat, als wir bei unserer Prognose erwartet hatten.
Welche strategischen Prioritäten hat der GDV als Lobbyverband der Versicherungswirtschaft angesichts aktueller Reformen und Marktveränderungen?
Politisch haben wir in den vergangenen sechs Monaten mehr Bewegung gesehen als in vielen Jahren zuvor. Das Altersvorsorgereformgesetz wurde verabschiedet, die Rentenkommission hat 33 Empfehlungen vorgelegt und auch der Koalitionsvertrag enthält wichtige Vorhaben zu Arbeitsmarkt, Steuern und Bürokratieabbau.
In der zweiten Jahreshälfte beginnt nun die eigentliche Gesetzgebungsarbeit. Die Empfehlungen der Rentenkommission müssen in Gesetze gegossen werden. Wir erwarten außerdem den Gesetzentwurf zur Frühstartrente [Anm. d. Red.: Das Interview wurde geführt, bevor der Gesetzentwurf vom Kabinett verabschiedet wurde.], den angekündigten Sozialpartnerdialog zur betrieblichen Altersversorgung sowie im Bereich Nicht-Leben einen Gesetzentwurf zur Elementarschadenversicherung; da gab es eine Verzögerung, aber meine Erwartung wäre, dass wir einen Gesetzentwurf im vierten Quartal sehen werden. Darüber hinaus bleiben bessere Standortbedingungen und Bürokratieabbau – in Berlin ebenso wie in Brüssel – für uns eine Daueraufgabe.
Das Wachstum der Versicherungswirtschaft beruht derzeit vielfach auf steigenden Beiträgen. Wo sehen Sie die größten Potenziale für organisches, nachhaltiges Wachstum?
Ich glaube, nachhaltig wachsen können wir dort, wo wir reale Absicherungslücken schließen. Der Bedarf an kapitalgedeckter Altersvorsorge besteht weiterhin. Daran ändern auch die geplanten Rentenreformen nichts. Gerade wenn die Menschen wissen, was die gesetzliche Rente künftig leistet, brauchen wir betriebliche und private Vorsorge mit guter Beratung. Daneben gewinnt die betriebliche Krankenversicherung weiter an Bedeutung.
Zudem glaube ich, dass die Elementarschadenversicherung ein Wachstumsfeld ist. Sollte es zu einer Pflichtversicherung mit Opt-out kommen, gäbe es Millionen Gespräche mit potenziellen Kundinnen und Kunden. Auch Cyber bleibt ein wichtiges Wachstumsfeld, denn die Risiken werden in diesem Bereich nicht weniger. Grundsätzlich kann man sagen, dass komplexe Haftungsrisiken ein Feld sind, wo Versicherer und Vermittler als – ich nenne es mal – Risikopartner gefragt sind.
Gleichzeitig kommen wir bei der staatlichen Absicherung – egal ob in der Altersvorsorge, der Krankenversicherung oder der Pflege – an Grenzen. Deshalb sehe ich durchaus Wachstumsfelder, die über reine Beitragserhöhungen hinausgehen.
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Seite 2 Der GDV vertritt mehrere Hundert Versicherungsunternehmen hierzulande. Wie gelingt es, diese unterschiedlichen Interessen zu einer gemeinsamen Position zusammenzuführen?
Seite 3 Es gibt Zweifel daran, dass das staatliche Standardprodukt in der privaten geförderten Altersvorsorge wie geplant Anfang 2027 starten kann. Was ist Ihre Einschätzung dazu?
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