Interview mit Simone Künstner, Chief Sales & Marketing Officer, und Nathan Glissmeyer, Chief Product & Technology Officer bei der INFITECH Gruppe
Frau Künstner, mit INFITECH entsteht eine stärker integrierte Gruppe. Gleichzeitig stehen mit dem Maklerpool Fonds Finanz und dem DEMV Deutscher Maklerverbund zwei etablierte Marken im Markt. Warum war jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen, die Governance-Strukturen neu aufzustellen?
Simone Künstner Die Gruppe ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Mit dem DEMV kam Ende 2022 ein weiterer großer Player hinzu. Gleichzeitig haben sich die einzelnen Gesellschaften historisch eigenständig entwickelt. Jede Einheit hat ihre eigene Kultur, ihre eigenen Prozesse und Systeme aufgebaut. Das ist zunächst normal. Irgendwann entstehen daraus aber Doppelstrukturen und Reibungsverluste. Genau dort setzt die neue Governance an.
Was bedeutet das konkret für die Rolle der Marke INFITECH?
SK INFITECH soll künftig stärker als Gruppenmarke sichtbar werden. Der Fokus verschiebt sich weg vom Gedanken einzelner Tochterunternehmen hin zu einem gemeinsamen Gruppenverständnis. Die Fonds Finanz und der DEMV Deutscher Maklerverbund bleiben dabei wichtige Marken mit eigener Identität. Aber nach außen soll klarer erkennbar werden, dass dahinter eine gemeinsame Struktur mit gemeinsamen technologischen und strategischen Zielen steht.
Sie kennen die Gruppe ja bereits seit vielen Jahren aus unterschiedlichen Perspektiven. Wie hat sich Ihr Weg entwickelt?
SK Ich bin seit 2015 in der Gruppe tätig und habe verschiedene Stationen durchlaufen. Dabei habe ich immer eng mit der Geschäftsführung zusammengearbeitet, strategische Schlüsselprojekte verantwortet und alle M&A-Projekte maßgeblich begleitet. Heute verantworte ich die Bereiche Vertrieb, Marketing und Maklermanagement – und damit genau die Bereiche, in denen die Integration von Fonds Finanz, DEMV und INFITECH entscheidend vorangetrieben wird.
Herr Glissmeyer, Sie kommen nicht aus der klassischen Versicherungswelt. Was bringen Sie aus Ihrem bisherigen Werdegang in die Gruppe ein?
Nathan Glissmeyer Mein Hintergrund liegt in Technologie, Produktentwicklung und digitalen Geschäftsmodellen. Ich war viele Jahre bei Amazon in verschiedenen Führungspositionen tätig, unter anderem in IT, Software, Produkt und digitalen Geschäftsbereichen. Danach folgten Stationen bei Start-ups, HolidayCheck und Friday. Diese Erfahrungen helfen mir heute. Ich schaue stark darauf, wie technische Systeme einfacher, schneller und nutzerfreundlicher werden. Genau diese Perspektive bringe ich jetzt bei INFITECH ein.
Was war Ihr erster Eindruck auf technologischer Ebene?
NG Sehr viel Kompetenz, aber auch viele Dopplungen. Historisch wurden in mehreren Gesellschaften ähnliche Funktionen aufgebaut. Das ist nachvollziehbar, wenn Unternehmen unabhängig wachsen. Gleichzeitig bremst es Geschwindigkeit und erhöht Komplexität. Moderne Technologie macht es heute deutlich einfacher, solche Strukturen zusammenzuführen.
Welche Rolle spielt Technologie inzwischen im Maklergeschäft?
SK Technologie ist heute kein Zusatz mehr, sondern eine Grundvoraussetzung. Die regulatorischen Anforderungen und Dokumentationspflichten sind in den vergangenen Jahren massiv gestiegen. Gleichzeitig erwarten Kunden schnelle Reaktionen und digitale Prozesse. Das erhöht den Effizienzdruck im Maklerhaus deutlich. Genau dort müssen wir als Maklerdienstleister Lösungen anbieten, die den Arbeitsalltag vereinfachen.
NG Der Markt befindet sich an einem Wendepunkt. Früher mussten Nutzer lernen, wie Software funktioniert. Heute entwickelt sich Software stärker in Richtung Ergebnisorientierung. Das bedeutet: Der Nutzer beschreibt, was er erreichen möchte, und das System übernimmt den Weg dorthin. Genau darin liegt das große Potenzial moderner Technologien und vor allem KI-basierter Systeme.
Steigt dadurch auch der Wettbewerbsdruck im Markt?
NG Definitiv. Die technologische Entwicklung beschleunigt sich massiv. Wer sich nicht bewegt, verliert Geschwindigkeit. Gleichzeitig wird Technologie demokratischer. Dinge, die früher überwiegend große Unternehmen umsetzen konnten, sind heute deutlich leichter verfügbar. Deshalb wird die Fähigkeit, Prozesse intelligent zu vereinfachen, zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor.
INFITECH setzt im Maklerverwaltungsprogramm PWX inzwischen verstärkt auf KI-gestützte Anwendungen. Warum war jetzt der richtige Zeitpunkt für diesen Schritt?
SK Makler müssen immer mehr Prozesse parallel bewältigen. Genau dort setzt unser KI-basierter Maklerverwaltungsagent PWX an. Ziel ist, administrative Tätigkeiten deutlich zu vereinfachen und dadurch mehr Zeit für Beratung zu schaffen.
Welche Aufgaben übernimmt die KI konkret?
NG PWX unterstützt Nutzer, gesteuert durch Sprach- oder Texteingabe, heute bereits bei vielen Routineprozessen. Das reicht von der Aufbereitung von Dokumenten bis zur Erstellung strukturierter Kundenübersichten. Besonders wichtig ist dabei der agentische Ansatz. Das System reagiert nicht nur auf einzelne Befehle, sondern begleitet Prozesse zunehmend aktiv.
Was bedeutet „agentisch“ in diesem Zusammenhang?
NG Früher waren Systeme eher reaktiv. Nutzer mussten jeden einzelnen Schritt selbst anstoßen. Heute entwickelt sich PWX stärker in Richtung eines digitalen Assistenten. Das System erkennt eigenständig Zusammenhänge, bereitet Informationen vor und unterstützt bei Folgeaufgaben. Dadurch entstehen deutlich flüssigere Arbeitsabläufe.
Gibt es bereits konkrete Rückmeldungen aus dem Makleralltag?
SK Ja, sehr viele. Ein Beispiel war ein Makler, der mehrere Tarifvergleiche als PDF-Dateien in PWX geladen hat. Das System hat daraus automatisiert einen übersichtlichen Kundenvergleich erstellt. Früher hätte er diese Informationen manuell zusammenführen müssen und dadurch viel Zeit verloren.
Ein zentraler Baustein der INFITECH-Strategie ist die Verbindung von Poolgeschäft und Direktvereinbarungsgeschäft. Warum ist genau diese Zusammenführung für PWX so wichtig?
SK Weil die Realität im Maklermarkt genau so aussieht. Viele Vermittler arbeiten nicht ausschließlich über einen Pool oder ausschließlich über Direktanbindungen. In der Praxis existiert meistens ein Mischmodell. Genau dort setzt PWX an und führt beide Welten in einem System zusammen.
Wo liegt darin der konkrete Nutzen für Makler?
SK Der Makler erhält einen vollständigen Überblick. Viele Makler verwalten heute unterschiedliche Bestände in verschiedenen Systemen. Poolgeschäft liegt an einer Stelle, Direktanbindungen an einer anderen. Dadurch entstehen fragmentierte Datenstrukturen. Mit PWX können wir diese Trennung auflösen und bauen Schritt für Schritt das zentrale System im Maklermarkt auf, das sich als maßgeblicher Arbeitsstandard etabliert.
Also eine Art 360-Grad-Blick auf den Kunden?
SK Genau. Erst wenn sämtliche Verträge und Informationen zentral vorliegen, entsteht ein vollständiges Kundenbild. Das verbessert nicht nur die Übersichtlichkeit, sondern schafft auch die Grundlage für intelligente Analysen, Cross- und Up-Selling-Potenziale und automatisierte Prozesse.
NG Gerade aus technologischer Sicht ist das der entscheidende Hebel. KI-Agenten funktionieren am besten, wenn sie auf vollständige und konsistente Daten zugreifen können. Wenn Informationen auf verschiedene Systeme verteilt sind, entstehen Lücken. Durch die Zusammenführung von Pool- und Direktgeschäft wird PWX deutlich leistungsfähiger. Das heißt, der eigentliche Mehrwert entsteht nicht allein durch den KI-Agenten, sondern auch durch die Datenbasis dahinter.
Welche Daten sind dabei besonders relevant?
SK KI ist am Ende nur so gut wie die verfügbaren Daten. Vor allem Vertrags- und Bestandsdaten sind relevant. Entscheidend ist, dass möglichst alle Informationen zu einem Kunden zentral und auf dem aktuellen Stand der Dinge verfügbar sind. Wenn beispielsweise nur ein Teil der Verträge im System hinterlegt ist, entsteht kein vollständiges Bild. Genau deshalb ist die Zusammenführung von Poolgeschäft und Direktanbindungen so wichtig.
NG Aus technischer Sicht geht es aber nicht mehr nur um klassische Vertragsdaten. Moderne agentische Systeme arbeiten zunehmend kontextbezogen. Das bedeutet: Auch Kommunikationsverläufe, Dokumente oder Bearbeitungsstände spielen eine Rolle.
Also eine Art „Gedächtnis“ des Systems?
NG Genau. Memory-Funktionen werden immer wichtiger. Vorhandene Informationen sollte das System berücksichtigen und nicht jedes Mal neu abfragen. Dadurch entstehen nochmals intelligentere und kundennähere Prozesse.
Wie stellt INFITECH sicher, dass fachlich korrekte Ergebnisse entstehen?
NG Das ist einer der zentralen Punkte bei der Entwicklung. Gerade im regulierten Versicherungsumfeld reicht es nicht aus, dass ein System schnell oder komfortabel arbeitet. Die Ergebnisse müssen jederzeit fachlich belastbar und nachvollziehbar sein. Deshalb testen und prüfen wir sehr intensiv, bevor Funktionen produktiv genutzt werden können. Die Systeme unterstützen den Makler, der mit seiner Fachkompetenz für Qualität sorgt.
Besteht nicht trotzdem die Gefahr sogenannter Halluzinationen oder fehlerhafter Empfehlungen?
NG Das Thema beobachten wir natürlich sehr genau. Allerdings muss man unterscheiden: Offene KI-Systeme im Internet funktionieren anders als spezialisierte Anwendungen in klar definierten Prozessen. Unsere Systeme arbeiten innerhalb konkreter Regeln, Workflows und fachlicher Leitplanken. Dadurch lässt sich das Risiko deutlich reduzieren. Die Beratung erfolgt weiterhin durch den Makler, der als „Human in the Loop“ die Entscheidungen trifft.
Und wie verändert diese technische Entwicklung die Rolle des Maklers?
SK Die Rolle des Maklers verändert sich deutlich. Triviale und administrative Tätigkeiten werden zunehmend automatisiert oder spürbar vereinfacht. Gerade dadurch rückt die eigentliche Stärke des Maklers bzw. Beraters stärker in den Fokus: Orientierung zu geben, komplexe Entscheidungen einzuordnen, Vertrauen aufzubauen und Kunden ganzheitlich zu beraten. Denn je besser die Entscheidungsqualität, desto größer die Bedeutung derjenigen, die dafür Verantwortung tragen.
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