Herr Lätsch, wird mit dem Start des Altersvorsorgedepots die Präsenz von Versicherern und Versicherungsmaklern auf dem Smartphone des Kunden von unverzichtbarer Bedeutung? Die Neobroker sind dort schon.
Ich glaube, dass das Altersvorsorgedepot die digitale Kundenschnittstelle in der Altersvorsorge deutlich aufwerten wird. Der entscheidende Punkt ist für mich weniger, ob Neobroker heute bereits auf dem Smartphone des Kunden präsent sind. Entscheidend ist, dass Altersvorsorge durch ein Depotprodukt wesentlich sichtbarer und beobachtbarer wird.
Bei einem Depot kann der Kunde unmittelbar nachvollziehen, wie viel Kapital investiert ist, wie sich sein Vermögen entwickelt und welchen Wert seine Altersvorsorge aktuell hat. Diese Transparenz kennen Verbraucher bereits vom Girokonto, Tagesgeld oder Wertpapierdepot. Bei klassischen Policen-Produkten ist die Wahrnehmung häufig eine andere: Der Kunde schließt einen Vertrag ab, zahlt regelmäßig ein und erhält in bestimmten Abständen via Post Informationen über dessen Entwicklung.
Mit dem Altersvorsorgedepot kann sich das verändern. Altersvorsorge wird stärker zu einem Vermögenswert, den der Kunde regelmäßig digital wahrnimmt. Das erhöht aus meiner Sicht automatisch die Bedeutung des Smartphones als Kundenschnittstelle.
Das Altersvorsorgedepot verändert die Kundenschnittstelle also deutlich?
Ja. Aus meiner Sicht sogar strukturell. Die Kundenschnittstelle verschiebt sich vom einzelnen Abschluss und punktuellen Service hin zu einer kontinuierlichen digitalen Begleitung. Transparenz über Vermögen, Einzahlungen und Wertentwicklung schafft regelmäßig neue Anlässe für Interaktion.
Dabei ist wichtig, nicht alles unter dem Begriff Altersvorsorgedepot zusammenzufassen. Die Reform sieht unterschiedliche Wege vor: Auf der einen Seite stehen kapitalmarktorientierte Altersvorsorgedepots ohne Beitragsgarantie, einschließlich einer standardisierten Variante. Auf der anderen Seite stehen Garantieprodukte. Beide Ansätze adressieren unterschiedliche Sicherheits- und Renditepräferenzen der Kunden. Für die Beratung bedeutet diese größere Produktbreite aus meiner Sicht nicht weniger, sondern mehr Relevanz. Die entscheidende Frage wird sein, welche Lösung zur jeweiligen Lebenssituation, Risikotragfähigkeit und langfristigen Vorsorgestrategie eines Kunden passt.
Sie sagten, der Kunde wird seine Altersvorsorge regelmäßig digital wahrnehmen. Was bedeutet das für den Makler oder Berater?
Zur stärkeren Präsenz trägt auch die Förderlogik bei. Durch die staatliche Förderung und deren Grenzen entstehen zusätzliche Berührungspunkte. Kunden müssen sich stärker damit beschäftigen, welche Beiträge sie leisten, wie sie ihre Förderung ausschöpfen und ob Anpassungen sinnvoll sind. Damit entsteht aus einem traditionell eher passiven Vorsorgeprodukt eine deutlich aktivere Kundenbeziehung.
Neobroker haben gezeigt, wie niedrig die Zugangshürden zu Wertpapieranlagen sein können. Für Makler und Finanzberater sehe ich darin keine Bedrohung, sondern eine Chance. Sie können diese digitale Einfachheit mit etwas verbinden, was ein reines Self-Service-Modell nur eingeschränkt leisten kann: die Einordnung der Kapitalanlage in die gesamte Vorsorge- und Finanzsituation des Kunden.
Gleichzeitig verändert sich die strategische Bedeutung der Kundenschnittstelle. Wer das Altersvorsorgedepot nicht in seine Beratung und seine digitale Infrastruktur integriert, riskiert, dass der Kunde dafür eine zusätzliche Beziehung zu einem anderen Anbieter aufbaut. Wer es dagegen integriert, kann Investment, Altersvorsorge und Beratung stärker in einer bestehenden Kundenbeziehung zusammenführen.
Wie reagieren Sie bei Vinlivt darauf?
Genau an dieser Stelle setzen wir mit Vinlivt an. Wir wollen nicht selbst zum Neobroker werden. Unser Ansatz ist vielmehr, die digitale Kundenschnittstelle des Maklers und Finanzberaters, um die entsprechenden Investment- und Depotlösungen zu erweitern. Wir integrieren deshalb die Depotlösungen in Vinlivt mit Evergreen als Finanzdienstleister im Hintergrund. Unser Ziel ist, dass unsere Anwender – Versicherungsmakler und Finanzberater – ihren Kunden die entsprechenden Lösungen ab dem 01.01.2027 direkt über ihre digitale Kundenschnittstelle in der Vinlivt-App zugänglich machen können.
Für uns ist dabei besonders wichtig, regulatorische und operative Komplexität möglichst weit aus der täglichen Kundenbeziehung herauszuhalten. Bereits heute stellen wir gemeinsam mit Evergreen eine Depotlösung bereit, über die auch Berater ohne eigene Erlaubnis nach § 34f GewO ihren Kunden einen Zugang zu einer Wertpapierlösung ermöglichen können.
Das Prinzip wollen wir auf die neue Welt der geförderten Altersvorsorge übertragen: Im Hintergrund braucht es die notwendige Finanzdienstleistungs-, Produkt- und Abwicklungsinfrastruktur. Im Vordergrund sollte es für den Kunden dagegen möglichst einfach sein.
Seite 1 Altersvorsorgedepot: Wie Makler ihre digitale Kundenschnittstelle erweitern
Seite 2 Und der Makler beziehungsweise Finanzberater behält seine Rolle als zentraler Ansprechpartner?
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