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3. Mai 2021
„Die Menschen müssen sich ein Stück weit von ihrer Garantiefixierung lösen“

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„Die Menschen müssen sich ein Stück weit von ihrer Garantiefixierung lösen“

Was ist mit der Kostenstruktur der Versicherer? Hätte man nicht auch daran drehen können?

Es ist nicht an mir und der DAV, die Kostenstrukturen in den Unternehmen und im Vertrieb zu bewerten. Es ist aber unsere Aufgabe, auf Wechselwirkungen hinzuweisen und klar zu sagen, dass bestimmte Produkte bei negativen Kapitalmarktzinsen, den strengen regulatorischen Vorgaben und den bestehenden Kostensätzen schlichtweg nicht mehr darstellbar sind. So ist es beispielsweise auch bei der Riester-Rente mit ihrer bisherigen 100%-igen Beitragsgarantie. Das ist ein hochkomplexes Produkt, bei dem es häufig zu Vertragsanpassungen und zur Rückforderung von Zulagen kommt.

Unsere Simulationsrechnungen zeigen, dass die Verwaltungs- und Abschlusskosten bei einem Höchstrechnungszins von 0,25% und einem marktdurchschnittlichen Jahressparbetrag bei gerade einmal ein bis zwei Euro pro Monat liegen dürfen. Und dabei sind die Kosten für die gerade bei Riester-Produkten dringend erforderliche Beratung noch gar nicht berücksichtigt. Wir gehen davon aus, dass sich sehr viele Versicherungen ohne Reform ab 2022 aus der Riester-Rente zurückziehen müssen, da sie dieses Produkt für den Preis einer großen Kugel Eis im Monat schlichtweg nicht mehr verwalten können.

Nun geht es darum, auf der Kapitalanlageseite mehr Rendite zu erzielen. Können das die Versicherer? Zumal sie mit Blick in die Zukunft nicht wissen können, ob das so funktioniert.

Kurz und knapp: Ja. Denn das Management von Verpflichtungen und dazu passenden Kapitalanlagen ist eine der Kernkompetenzen der Versicherungen und ihrer Aktuare. Ich denke, die Versicherer haben seit Jahrzehnten bewiesen, dass sie auch in schwierigen Marktsituationen sehr beachtliche Renditen erwirtschaften. Gerade in Zeiten wie diesen hat das Sparen im Kollektiv signifikante Vorteile, denn die Sicherungs- und Glättungsmechanismen in unseren großen Kollektiven verhindern, dass Kapitalmarktschwankungen eins zu eins auf das individuelle Versorgungskonto durchschlagen und so insbesondere kurz vor Eintritt des Versorgungsfalls zu dauerhaften Verlusten führen.

Dies stellt einen signifikanten Unterschied zu individuellen (Fonds-)Sparplänen dar, wie sie beispielsweise in den USA bereits seit Jahrzehnten auch für die betrieb­liche Altersversorgung genutzt werden. Dort profitieren die Anleger in guten Zeiten überproportional von steigenden Aktienkursen. In Bärenmarktphasen sind die negativen Auswirkungen aber umso gravierender. Nach der Finanzkrise mussten viele Amerikaner deutlich länger als geplant arbeiten, da sich ihre Altersvorsorge durch den Börsencrash pulverisiert hatte. Zwar haben sich die Börsen längst von diesem Schock erholt – individuelle Planungssicherheit sieht aber anders aus.

Weiterhin kann man bei Versicherern trotz Flexibilität in den Produkten an den höheren Erträgen von illiquiden Anlagen wie Infrastrukturprojekten partizipieren. Gerade in der heutigen Zeit sind die Überrenditen illiquider Anlagen so hoch wie selten zuvor.

 
Ein Interview mit
Herbert Schneidemann