Alle Schalter im Bereich der Altersvorsorge in Deutschland stehen auf Reform. Während die Vorschläge der Rentenkommission für die gesetzliche Rente und für die betriebliche Altersvorsorge noch den Weg durch die Gesetzgebung vor sich haben, ist die Reform der privaten geförderten Altersvorsorge schon seit einigen Monaten fix. An den Start gehen soll sie zum Jahreswechsel – das bedeutet, die Produktgeber haben noch ziemlich genau sechs Monate für die Vorbereitungen, bevor die Produktwelt am 01.01.2027 launchen soll. Man kann sich vorstellen, dass die Produktgeber aktuell mit Hochdruck an den neuen Entwicklungen arbeiten werden.
Sind Investmentanbieter den Versicherern voraus?
Derzeit hört man allerdings vor allem viel von Investmentanbietern – so hat die Anlageplattform growney beispielsweise bereits zwei Wochen nach der Verabschiedung des Gesetzes im Bundestag in Zusammenarbeit mit dem Vermögensverwalter Vanguard eine Whitelabel-Lösung angekündigt, und auch andere Anbieter aus der Investmentbranche sind bereits mit konkreten Plattformen und Kooperationen an die Öffentlichkeit getreten.
Versicherer scheinen zurückhaltender zu sein: Hier und da hört man, dass Versicherer an Produkten arbeiten. So haben beispielsweise mit der Stuttgarter, der Alte Leipziger und auch der Allianz einige der großen Player im deutschen Altersvorsorgemarkt bereits bekannt gegeben, dass sie ein breites Produktangebot zum neuen Altersvorsorgedepot bereitstellen wollen. Doch viel Konkretes hört man noch nicht.
Investmentanbieter im Voraus bei der Kommunikation?
Warum ist das so? Sind die Versicherer zu zurückhaltend? Warum gibt es nicht schon mehr konkrete Produktankündigungen? Oder ist es dafür noch zu früh? AssCompact hat sich in der Branche umgehört, um eine Einschätzung zu dem Thema zu erhalten.
Laut Justus Lücke, Geschäftsführer der Versicherungsforen Leipzig und Maklerforen, ist die aktuelle Zurückhaltung der Versicherer weniger regulatorisch als vielmehr strategisch begründet. „Die wesentlichen Rahmenbedingungen des Gesetzes sind bekannt“, so Lücke. „Entscheidend ist vielmehr die Frage, welche Rolle das Altersvorsorgedepot künftig im eigenen Geschäftsmodell spielen soll und welche Auswirkungen es auf bestehende Riester-Bestände haben könnte.“
Die Investmentanbieter sieht Lücke derzeit vor allem bei der Kommunikation im Voraus. Das bedeute aber erst einmal noch nichts für die tatsächliche Produktumsetzung und wo die Versicherer dort stehen. „Viele Investmentanbieter nutzen die aktuelle Aufmerksamkeit rund um das Altersvorsorgedepot sehr geschickt zum Aufbau von Wartelisten und Kundenkontakten. Der eigentliche Wettbewerbsvorteil entsteht derzeit weniger durch das Produkt selbst als durch den frühzeitigen Zugang zum Kunden.“
Assekurata erwartet harten Wettbewerb zwischen den Anbietern
Dr. Reiner Will, Gründer, Gesellschafter und Geschäftsführer der Assekurata Assekuranz Rating-Agentur GmbH, erkennt ebenfalls zunächst keinen Wettbewerbsnachteil in der aktuellen Zurückhaltung der Versicherer. Auch stimmt er zu, dass Versicherer mit der Einführung des AV-Depots „vor größeren Herausforderungen stehen“ als Investmentanbieter. Vor allem Versicherer mit großen Riester-Beständen müssten sich überlegen, wie sie diese halten können – hier könnte es laut Wills Einschätzung Bestandshaltungsaktionen geben.
Zudem erwartet Will einen harten Preiswettbewerb zwischen den Anbietern – und vermutet auch darin einen Grund, warum Versicherer mit ihrer Positionierung derzeit noch zurückhaltend sind. „Niemand will der erste sein. Denn wenn man sich erst einmal positioniert hat, dann ist es schwer, wieder davon abzuweichen.“
Zudem müssen die Versicherer die Produkte in die existierende Produktlandschaft des Vertriebs einbinden. „Das braucht Zeit“, so Will. Auf der Angebotsseite wird es seiner Meinung nach aber nicht mangeln. „Die Versicherer bereiten sich vor, und es wird ein breites Angebot geben.“
AfW: Zurückhaltung der Versicherer ist nachvollziehbar
Für den AfW – Bundesverband Finanzdienstleistung e. V. ist die Zurückhaltung der Versicherer ebenfalls „absolut nachvollziehbar“. Laut dem geschäftsführenden Vorstand Norman Wirth bedarf es noch an der Klärung von Detailfragen sowie zentralen Voraussetzungen für die Produktzertifizierung. „Solange diese Grundlagen nicht final vorliegen, bewegen sich alle Anbieter ein Stück weit im Vorläufigen. Dass Versicherer hier zurückhaltender auftreten, ist deshalb nachvollziehbar. Sie müssen stärker Fragen der Garantien, Rentenphase, Bestandskunden, Vergütung, Vertrieb und aufsichtsrechtlichen Einordnung mitdenken. Da wird man naturgemäß vorsichtiger kommunizieren.“
Ein kurzfristiger Wahrnehmungsvorteil für Investmentanbieter könne dadurch entstehen, so Wirth. „Ein echter Wettbewerbsvorteil entsteht aber erst, wenn zertifizierte, rechtssichere Produkte tatsächlich am Markt sind. (js)
Lesen Sie auch: AV-Depot fordert Lebensversicherer und Makler heraus
AV-Depot: „Versicherungen werden nicht verschwinden“
- Anmelden, um Kommentare verfassen zu können