2. KI lernt mit – immer
Werkzeuge (und Software) können einfach nur benutzt werden – an ihrer Funktion ändert sich nichts. KI-Systeme hingegen lernen immer mit. Aus jeder Interaktion lernt ein KI-System, wie Aufgaben angegangen werden. Über die Zeit muss es so immer weniger begleitet werden und kann immer mehr selbstständig agieren.
Beide Punkte stellen grundlegende Fragen an die Unabhängigkeit von KI-nutzenden Unternehmen. Ausgehend von der Beobachtung, dass die wenigen großen Betreiber:innen von KI-Systemen noch kein wirtschaftliches Geschäftsmodell für die Technologie gefunden haben, stellt sich die Frage, wie viel die Nutzung von KI letzten Endes kosten wird. Zwei Lösungen sind naheliegend: eine (höhere) Beteiligung der Makler:innen an den Nutzungsgebühren oder eine Änderung des Regelkorsetts auf die Bevorzugung ertragreicherer Produktgeber und Partner:innen.
Die Lernfähigkeit von KI-Systemen scheint zunächst Segen und effektives Mittel gegen Fachkräftemangel zu sein. Doch auch in diesem Punkt stellen sich bei genauerer Betrachtung einige Fragen: Ist es nicht auch Teil des Unternehmertums, Verantwortung für seine Angestellten zu übernehmen? Ebenso wird mit eigenen Angestellten Wissen im Unternehmen aufgebaut – Wissen über Kund:innen, Produkte und Prozesse. Werden diese nun durch KI-Systeme ersetzt, wird auch unternehmenskritisches Wissen in Fremdsystemen gespeichert und trainiert diese. Was bedeutet dies für die Wettbewerbsfähigkeit des eigenen Betriebs? Nach der Auslagerung von Daten, Prozessen und nun Wissen stellt sich die Frage, wie „unabhängig“ und wie sehr ein:e Makler:in überhaupt noch Unternehmer:in ist. Und wie sehr unterscheidet sie sich von anderen Nutzer:innen der gleichen Plattform.
Dystopie
Weitere „Vorteile“ von KI-unterstützten Systemen sind schon absehbar. Immer mehr organisatorische Aufgaben werden übernommen. Die KI ermittelt im Bestand, welche:r Kund:in wann auf welches Thema angesprochen werden sollte, um am ehesten einen erfolgreichen Abschluss zu generieren.
Aber wer sitzt eigentlich gestalterisch am Steuer, wenn Mensch täglich nur noch eine To-do-Liste aus einem solchen System abarbeitet? Mit jeder abgearbeiteten Aufgabe wird die KI weiter trainiert – bis zu dem Punkt, an dem es keinen Menschen mehr braucht, um Kund:innen zu betreuen und zu beraten. Schon mit den heutigen Plattformen werden diese daran gewöhnt, einzelne Prozesse selbst anzustoßen oder zu bearbeiten. Die Großeltern der heutigen KI-Systeme bringen in den sozialen Medien tagtäglich Menschen dazu, gegen ihre Interessen Dinge zu glauben, zu sagen und zu tun. Wer meint, es brauche in der Beratung immer noch den Menschen, verkennt meiner Meinung nach, um wie viel mächtiger KI-Systeme sind, die auf die Beeinflussung von Menschen trainiert wurden.
Denkt man die Auslagerung von immer mehr Unternehmensbereichen und -funktionen an große KI-Systeme zu Ende, werden die Makler:innen zur Brückentechnologie. Dem entgegenwirken kann, wer nach mehr als nur Effizienz und Einfachheit strebt und unternehmerisch langfristig denkt.
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